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Liebe Mitglieder und Freund:innen des Vereins,

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Die Mitgliederversammlung wird auf unbestimmte Zeit verschoben.

Was ist ein richtiger Mann?

Nachdem ich im Ersten das Quiz mit Jörg Pilawa sah, der zu zwei sehr muskulösen Männern sagte, sie seien richtige Männer und dies sogar nochmal wiederholen musste, fragte ich mich, welches Bild ich von Männlichkeit durch meine Sozialisation erfahren habe und wie mein Verhältnis zum Begriff “Männlichkeit” aussieht. 

Mann, eine Bezeichnung mit der ich mich nicht richtig identifizieren kann. Ich bin männlich zugewiesen nach der Geburt und meine Geschlechtsidentität ist auch männlich. Ich bin ein cis-Mann und habe dennoch Probleme mich mit dem Begriff Mann und die damit verbunden Erwartungen,  zu identifizieren. Egal wie oft ich sage “Ich bin ein Mann.”, ich schaffe es nicht, diesen Satz zu sagen und ihn dabei auch innerlich auf mich zu beziehen. Dieser Satz wirkt, wenn ich ihn ausspreche wie ein Schutzschild, damit andere keine Fragen stellen. Für mich hat dieser Satz aber keine Verbindung zu mir. Dies liegt vermutlich an meiner mir anerzogenen Sicht auf Männlichkeit und wie ein Mann zu sein hat. Dabei bin ich sehr locker erzogen wurden, es herrschen in meiner Familie kaum starre Bilder. Meine Familie kann Begriffe sehr fluide verstehen. Natürlich fielen höchstwahrscheinlich dennoch Sätze in meiner Kindheit wie “Jungen weinen nicht.” Jedoch kann ich mich an solche Äußerungen innerhalb der Familie nicht erinnern. Mein Spielzeug wurde mir auch nicht vorgeschrieben. Ich habe mit Autos und Dinosauriern gespielt, aber auch mit Kuscheltieren. Ich habe gerne gemalt, gebastelt und vieles mehr, was nicht unbedingt dem männlichen Spielverhalten zugeschrieben wird. In meiner Kindergartenzeit habe ich meist Freundinnen gehabt. Mit Jungs zu spielen missfiel mir häufig, da mir diese Spiele und Umgangsweisen oft zu rabiat waren. Dies zog sich ebenso durch die Grundschulzeit, durch die Orientierungsstufe bis hin zur Sekundarstufe II. 

Auch heute besteht mein Freundeskreis kaum aus heterosexuellen Freunden. Ich finde Situation unangenehm, wo ich mit Männern ins Gespräch komme, z.B. an der Kasse im Supermarkt. 

Die Entfremdung von mir zur Männlichkeit kann ich nicht vollends erklären, ich kann aber einzelne Aspekte und Gefühle benennen. 

Mich selbst als Mann zu sehen scheitert schon an meiner Altersvorstellung. Ein Mann ist kein Junge oder junger Teenager. Ein Mann ist Erwachsen und strahlt dies aus. Ich bin zwar Erwachsen, aktuell 25 Jahre alt, aber ich werde sehr oft viel jünger geschätzt und fühle mich auch teilweise so. Wenn ich mich mit einigen 18 jährigen vergleiche, dann wirke ich daneben teilweise um einige Jahre jünger. Das ich so jung aussehe ist u.a. ein Faktor, der mich hemmt mich selbst als Mann zu bezeichnen. Wenn ich weiterhin an Männlichkeit denke, dann denke ich an Männer mit Bärten. Mein Bartwachstum ist nur sehr schwach ausgeprägt. Es reicht nichtmal für einen Oberlippenbart, den viele Jungen bereits mit 14 Jahren haben. Es fehlt mir eben auch hier an dieser Norm-Männlichkeit. Um gleich einmal beim Aussehen zu bleiben, ich bin nicht muskulös. Mein Körperbau ist eher athletisch, das könnte der Männlichkeit immer noch genügen, doch wiege ich auf 1,76m gerade einmal 53kg. Aus athletisch wird damit untergewichtig, wenn ich die Leute reden höre sogar magersüchtig, unterernährt etc. Es kommt nicht selten vor, dass Personen, die ich nur flüchtig kenne, mir erzählen, ich sei zu dünn, ich müsse mehr essen, ob ich denn auch schon die Funktion meiner Schilddrüse untersucht hätte, wie meine Ernährung denn aussehe und und und. Es wäre den Menschen also lieber, wenn ich dick wäre und einen Bierbauch hätte. Ich möchte an dieser Stelle keine Diskussion über Bodyshaming starten, aber ja, auch dünne Menschen sind allein weil sie dünn sind, Diskriminierungen ausgesetzt. Wenn nun von Männern erwartet wird, dass sie muskulös sind oder mindestens ein paar Kilo mehr auf den Rippen haben, dann kann ich mich an der Stelle ebenfalls nicht mit dem Begriff der Männlichkeit identifizieren.
Zum männlichen Bild gehört außerdem, dass Männer kaum Gefühle zeigen. Ich zeige Gefühle. Wut, Trauer, Angst, Freude. Also auch hier wieder keine Übereinstimmung mit dem Bild des Mannes. Weiterhin sind Männer laut, sie grölen, besonders in Gruppen, beim Fußball oder unter Alkoholeinfluss. Am liebsten unter Alkoholeinfluss in Gruppen beim Fußball. Nun, was soll ich sagen, ich trinke sehr wenig Alkohol, ich werde höchstens mal in einer Diskussion lauter, aber ich gröle nicht durchs ganze Haus. Fußball ist mir total egal. Es ist ein Sport wieder jeder andere, der aus meiner Sicht zu viel Aufmerksamkeit erhält. Hier bin ich also auch wieder von vielen Männergruppen exkludiert, weil ich mit dem Lebenselexier Namens Fußball nichts anfangen kann. 

Ein weiterer Aspekt der Männlichkeit. Richtige Männer sind heterosexuell, sie schleppen Frauen ab und lassen sich von anderen Männern dafür feiern. Nunja, ich bin homosexuell, schleppe also keine Frauen ab. An dieser Stelle der Hinweis: Geschlechtsverkehr sollte einvernehmlich sein. Ein vielleicht ist kein Ja. Verstehen viele dieser “Männer” nicht, daher die Wortwahl “Frauen abschleppen”. Für einige Menschen gelte ich als krank, für andere einfach als Abart der Natur. Homoheilungen wurden mir auch schon von völlig fremden Menschen nahegelegt. Amen. Es macht mich also in der Gesellschaft zu weniger Mann, wenn ich auf Männer stehe. Ein eher weiches Auftreten nach außen, wird sofort mit Weiblichkeit assoziiert. Das eher feminine Auftreten wird sofort mit der Homosexualität gleichgesetzt. Völliger Quatsch. Es gibt viele schwule Männer, die sehr maskulin Auftreten. Es gibt Frauen die maskulin auftreten und es gibt heterosexuelle Männer, die eine eher feminine Ausstrahlung haben.
Dennoch ist diese Verbindung von schwul und eher feminin doppelt toxisch, doppelt unmännlich. An dieser Stelle möchte ich einen Rückblick in die Zeit kurz nach meinem Outing wagen. Kurz nach meinem Outing hatte ich in der Klasse einen sehr guten Freund. Heterosexuell. Vermutlich die engste Bindung, die ich je zu einem heterosexuellen gleichaltrigen aufgebaut habe bzw. aufbauen konnte. Er stand fest hinter mir, wenn ich von anderen gemobbt wurde. Ich glaube ohne ihn wäre meine Schulzeit teilweise unerträglich gewesen. Nachdem die Leute gemerkt haben, dass sie an mich nur schlecht rankommen solange er da ist, wurde er das nächste Opfer meiner Peiniger. Es gingen Gerüchte rum, dass er schwul sei. Schwul gleich, feminin, weich, weniger Wert. Dennoch ließ er sich nicht davon beirren. Es ließ ihn alles kalt. Zumindest wirkte es von außen so. Ich habe damals nicht verstanden, wie viel er auf sich genommen hatte. Jetzt, weiß ich es und ich bin ihm zutiefst dankbar, in dieser schwierigen Zeit ein Teil meines Lebens gewesen zu sein. Leider trennten sich irgendwann unsere Wege. Zum Glück erst ab einem Zeitpunkt, an dem ich schon stark genug war, selbst mit der Gesellschaft fertig zu werden. 

Dennoch habe ich bis heute Schwierigkeiten mit unbekannten Männern ins Gespräch zu kommen. Ich habe Angst, nicht als Mann genug gesehen zu werden, nicht männlich genug Antworten zu können. Einen Witz über Fußball, Autos oder Gewalt nicht zu verstehen. Ich beherrsche nicht den Slang der Männer. Im Gegenteil, ich fühle mich unwohl, wenn ich in einer Wolke aus männlichem Gelaber sitze. 

Auch die Vorstellung, welche Farben männlich sind beeinflusst mich noch heute. Ich habe mich sehr lange gewehrt pink zu mögen. Meine aktuellen Lieblingsschuhe sind pink. Wenn ich sie trage, dann werde ich das Gefühl nicht los, dass insbesondere ältere Menschen mir häufiger auf die Schuhe schauen als vorher. Kein kurzer Blick, weil die Farbe etwas knallig ist, sondern ein langer Blick, um zu verstehen, warum ich pinke Schuhe trage.

Vielleicht wird jetzt etwas klar, warum sich die Begriffe Mann und Männlichkeit für mich fremd anfühlen. Ich kann mich nicht mit diesen Begriffen identifizieren, weil ich so vollkommen nicht dem Bild, nicht der Norm, dieser Begriffe entspreche. Ich weiß, dass ich ein Mensch bin, eine Person. Aber um ein richtiger,ein gesellschaftlich anerkannter Mann zu sein fehlt mir der entsprechende Habitus.

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